TED AI Vienna 2025: Kritisches Denken formt die KI-Transformation
TEDAI Vienna hat Interessierte aus über 50 Ländern nach Wien gebracht – für einen internationalen Austausch über die Zukunft der künstlichen Intelligenz. Zwei intensive Tage voller Insights, Diskussionen und Praxiserfahrungen.
Wie von TED zu erwarten, haben manche Vorträge uns herausgefordert, andere inspiriert und viele neue Fragen aufgeworfen. Gemeinsam haben wir unseren Horizont erweitert, schwierige Themen beleuchtet und vor allem kulturelle Feinheiten in der KI-Debatte betont, die oft übersehen werden.
Zentrale Botschaft: Neuer Narrativ über KI
Einer der prägendsten Momente kam von Verity Harding von der Universität Cambridge. Ihr Appell: Wir müssen aufhören, die Entwicklung von KI als “Wettrüsten” zu sehen. Stattdessen sollten wir uns die Raumfahrt als Vorbild nehmen – eine gemeinsame Mission für die Menschheit und kein Nullsummenspiel zwischen Staaten.
Das aktuelle Narrativ eines Rennens, das wir nicht verlieren dürfen, führt zu Leichtsinn und Abschottung. KI ist kein Endziel, sondern ein Werkzeug für Fortschritt. Im Mittelpunkt sollten sichere Strategien und Zusammenarbeit stehen, statt dem gefährlichen „First-Mover-Vorteil“.
Hardy Pemhiwa von Cassava Technologies hat diese Sichtweise mit Einblicken aus Afrika bestärkt, wo Einschränkungen Innovationen antreiben. Der Kontinent zeigt, wie KI echte Barrieren überwinden kann, wenn Technologie inklusiv gedacht wird.
Friktion als Feature, nicht als Bug
Ein Thema zog sich durch mehrere Sessions: Die Bedeutung von „Reibung“ und „Schmerz“ in unseren täglichen Arbeitsroutinen. Advait Sarkar (Microsoft Research), Pau Aleikum Garcia (Domestic State Streamers) und Ioana Teleanu (AI-R Studio) diskutierten wie wir menschliche Intention in einer Welt der generativen Gleichförmigkeit und endlosen Outputs schützen können.
Ihr zentrales Credo: Bedeutung entsteht durch das Anstrengung. Je mehr Reibung oder auch Frustration und Aufwand in einen Prozess fließen, desto größer ist die Bedeutung, die wir dem Ergebnis beimessen. KI-Tools sollten daher unser kritisches Denken und die Fähigkeit zur Selbstreflexion fördern – nicht unsere mentale Kapazität schwächen.
Eine provokante Idee: Was passiert, wenn wir ein Modell so programmieren, dass es nie zweimal die gleiche Antwort gibt? Oder wenn wir ein Modell entwickeln, dem bestimmte Konzepte von Haus aus fehlen? Solche Einschränkungen zwingen sowohl KI als auch Menschen zu kreativeren Wegen der Lösungsfindung.
In der Diskussion wurde außerdem klar: Wir formen die Werkzeuge – und sie formen uns. Werkzeuge sind nie neutral. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie wir diese gegenseitige Beeinflussung aktiv gestalten wollen.
Mimirio Workshop: Kontext ist King
Stefan Damms ausgebuchte Workshops zu Retrieval Augmented Generation (RAG) lockten über 60 Teilnehmende an – das zeigt deutlich, wie relevant kontextbasierte KI-Lösungen für Unternehmen sind.
Die zentrale Erkenntnis: Kontext ist der Schlüssel zu wirklich nützlicher KI. Mimirios Ansatz, eine Wissensdatenbank, die auf Unternehmensdaten basiert und komplett im eigenen Unternehmen verbleibt, stieß auf großes Interesse. Es geht nicht nur darum, Wissen im Unternehmen zu halten, sondern es so zugänglich zu machen, dass Mitarbeitende Wissen in Handlungen verwandeln können: E-Mails, Aufgaben, Entscheidungen.
Enterprise Agents verändern unsere Welt und die Unternehmenswelt im Besonderen. Trotz Unsicherheiten und Einschränkungen lernen viele Unternehmen schnell dazu und erkennen, wo sie das Potenzial von Agents gezielt zur Verbesserung ihrer Prozesse nutzen können. Das zeigte sich auch in den Workshop-Diskussionen: Die Frage war wie und wo solche Agents eingesetzt werden können und nicht mehr ob.
Der Privacy-First-Ansatz kam bei den Teilnehmenden besonders gut an. Interessante Beobachtung: Während das Thema Sicherheit in den meisten Konferenzbeiträgen kaum vorkam, war es in den praxisnahen Workshops ein zentrales Anliegen.
AI Transformation: In Use Cases denken
Viele auf und neben der Bühne betonten: Die AI-Transformation steht nicht vor der Tür – sie ist längst da. Swami Sivasubramanian von AWS brachte es auf den Punkt: Devs können sich heute darauf konzentrieren, was sie bauen wollen, statt wie. Rechenleistung ist längst zur Commodity geworden.
Die Herausforderung für Unternehmen ähnelt der der Digitalisierung – wo und wie anfangen? Die Antwort: mit echten Use Cases. PwC zeigte anhand einer interaktiven Touchscreen-Installation, größere und kleinere branchenspezifische Anwendungsfälle auf. Zugleich wurde klar: In manchen Bereichen, etwa der Fertigung, ist KI schon über ein Jahrzehnt Teil des Alltags.
Die Botschaft: Wer den Mehrwert von KI anhand von echten Use Cases sichtbar macht, hilft anderen, ihre spezifischen Anwendungsmöglichkeiten zu verstehen und baut Ängste sowie mentale Hürden ab.
Europa: Bedacht statt langsam
Eine überraschende Erkenntnis: Selbst die Branchen-Giganten haben noch kein Endziel für KI, sondern oft nur vage Vorstellungen. Lukasz Kaiser von OpenAI erklärte, dass nach RNNs und Transformern die nächste Evolutionsstufe „Researchers“ sein werden – KI-Systeme, die mit weniger Daten neue wissenschaftliche Erkenntnisse generieren.
Oriol Vinyals von Google DeepMind griff das „Builder’s Dilemma“ auf: Ersetzten wir uns selbst, wenn wir KI-Forschende bauen? Seine Antwort: Nein, die richtigen Fragen stellen bleibt menschlich. KI macht Wissenschaft zugänglicher, aber die Richtung gibt der Mensch vor.
Europa wirkt auf den ersten Blick vielleicht langsam, doch die Konferenz zeigte: Wir haben gute Chancen als globale Player. Die bedachtere, vorsichtige Herangehensweise Europas berücksichtigt mehr Parameter: regulatorische, ethische und gesellschaftliche. Wir bauen auf bestehendem Wissen auf und lernen aus den Fehlern anderer.
Art & Dinner
Die Vorführung von drei Kurzfilmen der Künstlerin Afro Futcha zeigte eindrucksvoll, was heute mit KI in kürzester Zeit möglich ist – preisgekrönte Filme, die die Frage aufwerfen: Wenn Wissen sofort verfügbar ist, was bedeutet dann noch Entdeckung?
Die thematischen Abendveranstaltungen boten einen tollen Rahmen, um in kurzer Zeit viele Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten kennenzulernen. Die Stimmung war durchwegs positiv, lebendig und geprägt von Aufbruch.
“Human in the Loop” – Ernst gemeint oder reine Absicherung?
Ein Satz war in fast jeder Session zu hören: „Human in the Loop.“ Doch ist das ein echtes Bekenntnis oder reine Absicherung? Die Vermenschlichung von KI – etwa wenn Interfaces „Thinking…“ anzeigen – schafft Vertrauen, birgt aber auch Missverständnisse und Interpretationsspielräume.
Advait Sarkar zeigte am Beispiel konkreter Arbeitstools, wie KI als Reflexionshilfe fungieren kann, mit „Human in the Loop“ quasi intuitiv eingebaut. Genau das trifft den Kern vieler Ängste: Macht uns KI faul, weniger kritisch, unkreativer?
Mercedes Bidart betonte: Der Schlüssel zu verantwortungsvoller und inklusiver KI ist die menschliche Aufsicht. Ihr Projekt steht exemplarisch für ethische KI, wo technologische Effizienz und menschliche Urteilskraft gemeinsam Möglichkeiten in der realen Welt schaffen. Sie hob hervor, dass KI-Systeme die Standards verschiedener Länder erfüllen und sich an kulturelle Werte anpassen müssen, um lokale Bedürfnisse zu adressieren. In ihrem Fall geht es darum, Kreditinformationen für kleine Unternehmer·innen KI-gestützt zu generieren, um Zugang zu Mikrokrediten in Lateinamerika zu ermöglichen und erleichtern.
Unser Fazit
- Das Narrativ ändern: Weg vom Wettrüsten, hin zur gemeinsamen Mission
- Kontext ist King: RAG-Technologie und internes Wissen bringen echten Nutzen
- Reibung einbauen: KI soll uns herausfordern, nicht nur alles leichter machen
- In Use Cases denken: Konkrete Anwendungen machen den Wert sichtbar
- Kritisches Denken bewahren: KIs Vermenschlichung darf uns nicht täuschen – sie bleibt eine Wahrscheinlichkeitsrechnung
Die KI-Transformation ist Realität. Anstatt sich von der Begeisterung anderer mitreißen zu lassen, sollten wir uns alle unsere eigene Meinung bilden. Die Frage ist nicht ob, sondern wie wir KI nutzen – als Gegenüber, das uns herausfordert und nicht als bequeme Lösung, die uns das Denken abnimmt.
TED AI ist eine Konferenz der Ideen: Austausch, Inspiration, den Funken neuer Perspektiven. In diesem Sinn: Lasst uns KI kollaborativ, kritisch und vor allem kontextbewusst nutzen.
